Ist die Bundesliga eine Jammer-Liga?

  • Also der Vergleich mit der Serie A hinkt für mich an vielen Stellen. In erster Linie herrscht dort ein viel größeres Leistungsgefälle als innerhalb der Bundesliga, ich würde aus dem Stand behaupten, dass das schlechteste Bundesliga-Team es nicht nur mit der #18, #19 und #20 der Serie A aufnehmen kann, sondern auch noch mehrere Vereine die darüber stehen. Dazu ist es eine 20er-Liga, aber die Vereine strukturieren sich ganz anders bzw. legen ihre Prioritäten woanders. Durch einen fehlenden Unterbau (die Primavera mal abgesehen) haben einige Klubs enorm viele Spieler unter Vertrag, die verliehen werden, der Kader ist also sehr breit aufgestellt. In der Coppa ist es eigentlich erst seit wenigen Jahren überhaupt mal der Fall, dass da wenigstens eine Hand voll Stammspieler zum Einsatz kommen, dazu steigen die Europapokal-Teilnehmer erst im Achtelfinale (und damit meist erst im Dezember) ein. Die Europa League ist ähnlich, es gibt kaum Vereine, die dort auf Kosten der Liga etwas erreichen wollen, zum einen weil man sich zu höherem berufen fühlt und zum anderen (bei Überraschungsteams) um nicht im Abstiegskampf Punkte liegen zu lassen. Dass in Italien keine Pause eingelegt wird ist mir neu, bis zum letzten Jahr ruhte alles zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, in diesem Winter pausiert man nach dem 6. Januar zwei Wochen, man verschiebt also alles nur ein wenig. Und zu guter Letzt: In Sachen Erfolg auf europäischer Ebene lief in der näheren Vergangenheit so gut wie gar nichts zusammen.


    Für mich ist das Ganze keine Jammerei der deutschen Vereine, sondern die Jammerei der deutschen Medien, die schlichtweg erfolgsverwöhnt und damit etwas verblendet sind. Da absolviert die Bundesliga zum ersten Mal seit zig Jahren eine schwächere Europapokal-Saison und man hat den nächsten wunderbaren Aufmacher während der Weihnachtspause vor der Öffnung des Transferfensters. Sorry, aber ich bin weiterhin der Meinung, dass es das gute Recht von Vereinen wie z.B. Freiburg, Hertha oder auch den Kölnern ist die Prioritäten auf die Liga zu setzen. Wie würden denn die Schlagzeilen andersherum aussehen, z.B. wenn Hertha in der nächsten EL-Runde stände, aber in der Liga auf einem Abstiegsplatz liegt? "Toll, Hertha tut was für die Fünfjahres-Wertung!" Wohl eher nicht... Und die anderen? Hoffenheim und Leipzig waren das erste Mal überhaupt international mit dabei und Dortmund ist nun echt nicht gerade in einer total einfachen Gruppe gescheitert (bzw. Dritter geworden, sie machen ja genauso wie Leipzig noch weiter).

  • Schauen wir uns in 20-30 Ligen des Uefa-Kontinentalverbandes um, fällt das Urteil sicher anders aus. Es wird immer nur nach Spanien und England geschaut und verglichen. Beide Ligen sind im Moment der Bundesliga voraus. Das lässt sich relativ nüchtern festhalten. Und weiter? Deswegen sind wir in Europa nicht mehr konkurrenzfähig? Das halte ich für einen Trugschluss. Meckern, zetern und jammern ist typisch deutsch. Sobald deutsche Mannschaften im Sportgeschehen keine Spitzenpositionen einnehmen, geht es los. Einige Kritikpunkte sind dabei gerechtfertigt. Absolut. Die Bundesliga hat sich allgemein in eine Sackgasse begeben. Anstatt die Wurzel allen Übels in geringeren finanziellen Mitteln zu sehen, sollte man sich wieder mehr auf fachliche Belange konzentrieren. Das Leipziger Konzept ist zwar auf kurze Sicht erfolgreich, hat aber seine Tücken. Was dort in ausgeprägter Form auf die Spitze getrieben wurde, hat zuvor die Mehrheit der Bundesligisten im Denken beeinflusst. Physische und taktische Elemente werden mit technischen Hilfsmitteln überhöht und bis zum letzten Tropfen ausgereizt. Man hat das Gefühl deutsche Mannschaften wollen ihre Gegner überrollen statt spielerisch zu überwinden. Nur einzelne Teams setzen auf ausgeprägte Spielzüge, wie sie in Spanien Alltag sind. Dabei hat gerade Leipzig technisch hochwertig ausgebildete Profis unter Vertrag, deren können über Einzelaktionen aufblitzt. Würden die nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen und dabei unnötige Kräfte vergeuden, müssten sie sich nicht erschöpft in die Winterpause retten. Bei Hertha ist es tendenziell das Gleiche in Grün. Sie haben ganze Spiele abgeschenkt um bei vermeintlich wichtigen Partien da zu sein. Ergebnis war eine Berg- u. Talfahrt, Potentielle Spielgestalter versauern auf der Bank, während ungehobeltere Powerpakete wie Esswein regelmäßig über den Platz fegen durften.


    Die Belastungssteuerung ist meiner Meinung nach trotz Professionalisierung ein wesentlicher Knackpunkt, In jeder einzelnen Partie sollen die Spieler gestützt auf technischen Daten möglichst alles aus sich herausholen. Kondi- u. Fitnessgurus richten es ja zwischen den Spielen. Ab der 20. Begegnung wundern sich dann alle. Komisch. Akkus leer. Das weiß der Cheftrainer natürlich erst, wenn er die Datentabellen im Computer sieht. Der Fortschritt ist unaufhaltbar. Verfügbare technische Hilfsmittel verbessern die tägliche Arbeit. Sie ersetzen aber nicht den menschlichen Sachverstand.